Aufzeichnungen aus Baden I

Aus dem Buche «Kurgast» (1923):

«Dies Eine nun hat der Badener Kurtag für mich vor den Tagen des gewohnten Lebens voraus: während der Kur beginnt jeder Tag mit einer wichtigen, zentralen Morgenpflicht und Aufgabe, und diese Aufgabe ist leicht, ja angenehm zu erfüllen. Ich meine das Bad. Wenn ich morgens erwache, einerlei um welche Stunde es sei, so steht als erste und wichtigste Aufgabe vor mir nicht etwas Lästiges, nicht Ankleiden oder Turnen oder Rasieren oder Postlesen, sondern das Bad, eine sanfte, warme, reibungslose Angelegenheit.

Mit einem leichten Schwindelgefühl richte ich mich im Bett auf, setze durch einige vorsichtige Übungen die eingerosteten Beine wieder in Betrieb, stehe auf, werfe den Schlafrock über und schreite langsam durch den halbdunklen, schweigenden Korridor zum Lift, der mich durch alle Stockwerke bis in den Keller zu den Badezellen führt. Hier unten ist es sehr schön.

In den steinernen, sehr alten, sanft hallenden Gewölben herrscht beständig eine wunderbare weiche Wärme, denn überall rinnt das heisse Wasser der Quellen, ein heimliches, wärmendes Höhlengefühl überkommt mich hier jedesmal, wie ich es als kleiner Knabe hatte, wenn ich mir aus einem Tisch, zwei Stühlen und einigen Bettvorlagen oder Teppichen eine Höhle errichtet hatte.

 

 

In meiner reservierten Badezelle erwartet mich das tiefe, in den Boden versenkte, gemauerte Bassin voll heissen, eben aus der Quelle geronnenen Wassers, ich steige langsam hinein, auf zwei kleinen Steinstufen, drehe die Sanduhr um und tauche bis zum Kinn in das heisse und strenge Wasser, das ein wenig nach Schwefel riecht.

Hoch über mir, am Tonnengewölbe meiner massiv gemauerten Zelle, die mich sehr an eine Klosterzelle erinnert, fliesst Tageslicht dünn durch ein Fenster mit matten Scheiben; dort oben, ein Stockwerk höher als ich hinter dem Milchglas, liegt die Welt, fern, milchig, kein Ton von ihr erreicht mich. Und um mich her spielt die wunderbare Wärme des geheimnisvollen Wassers, das da seit tausend Jahren aus unbekannten Küchen der Erde rinnt und beständig in schwachem Strahl in mein Bad nachströmt.

Nach der Vorschrift soll ich im Wasser meine Glieder möglichst viel bewegen, Turn- und Schwimmbewegungen ausführen. Pflichtgemäss tue ich dies auch, einige Minuten lang, dann aber bleibe ich regungslos liegen, schliesse die Augen, schlummere halb, sehe dem stillen steten Rieseln der Sanduhr zu.

Ein welkes Blatt, durchs Fenster hereingeweht, ein kleines Blatt von einem Baum, dessen Name mir nicht einfällt, liegt am Rande meines Bassins, das sehe ich an, lese die Schrift seiner Rippen und Adern, atme die so merkwürdige Mahnung der Vergänglichkeit, vor der wir schauern und ohne welche doch nichts Schönes wäre.»

 

 

Eine andere Stelle aus dem «Kurgast»:

«Ich sehe jetzt, wo meine Badener Tage zu Ende gehen, dass es hier in Baden sehr hübsch ist. Ich glaube, ich könnte monatelang hier leben.» - «Als ich Baden verliess, fiel mir in der Tat der Abschied etwas schwer. Ich hatte zu allerlei Dingen und Menschen eine Liebe gefasst, die ich jetzt losreissen musste, zu meinem Zimmer, zu meinem Wirt, zu den Bäumen am Flussufer, zum Arzt, der sich in der Abschiedsaudienz nochmals auf das schönste bewährte, zu den Mardern im Hotelgarten, zu den freundlichen hübschen Saaltöchtern Rösli, Trudi und den andern, zum Spielsaal, zu den Gesichtern und Figuren mancher Leidensbrüder.

Sehr hübsch war der Abschied vom Wirt ... Lächelnd hörte er meinen Dank, meine Lobsprüche auf sein Haus an, dann fragte er, wie der Doktor mit mir und meiner Kur zufrieden sei, und als ich ihm erzählte, der Arzte habe mich sehr gelobt und ich habe Aussicht auf vollkommene Heilung, so dass ich also Baden jetzt ruhig verlassen könne, da steigerte sich das Lächeln meines Gastfreundes zu behaglicher Schelmerei, freundlich legte er mir eine Hand auf die Schulter und sagte: ‚Ja, reisen Sie recht vergnügt! Ich gratuliere. Aber schauen Sie, ich weiss etwas, was Sie vielleicht nicht wissen: Sie werden wiederkommen!' ‚Ich werde wiederkommen? Nach Baden?' fragte ich. Er lachte hell. ‚Jawohl. Alle kommen sie wieder, geheilt oder ungeheilt, noch jeder ist wieder gekommen. Das nächstemal sind Sie dann schon Stammgast.'

Ich habe dies Abschiedswort nicht vergessen. Vermutlich hat er recht. Vermutlich werde ich wieder kommen, einmal, vielleicht viele Male. Aber ich werde nie derselbe sein, der ich diesmal war. Ich werde wieder baden, werde wieder elektrisiert, wieder gut gefüttert werden, vielleicht auch wieder Depressionen haben und missmutig werden und trinken oder spielen, aber doch wird alles ganz anders sein, ebenso wie meine Heimkehr in die Wildnis diesmal wieder eine andre war als jede frühere.

Im einzelnen wird alles das gleiche sein, alles sehr ähnlich, im ganzen aber wird es neu und anders sein, andre Sterne werden drüber stehen. - Und wenn ich wieder einmal nach Baden komme, werde ich anders in das warme Wasser steigen, andres mit meinen Nachbarn erleben, andre Sorgen und Spiele haben, andres auf meine Papiere schreiben. Ich werde auf neue Arten mich versündigen, auf neuen Wegen wieder zu Gott finden. Und immer werde ich glauben, der Handelnde, der Denkende, der Lebende zu sein, und weiss doch, dass Er es ist.»

 

 

Aufzeichnungen aus Baden II

Aus «Der gestohlene Koffer» (1944):

«Wieder einmal hatte ich spät im Herbst die heilsamen Quellen von Baden aufgesucht und mit Sorgfalt eine Kur absolviert. Ich hatte des Morgens mein Bad genommen, nicht mehr so heiss und nicht mehr so lang wie einst, sondern hübsch temperiert und dosiert, wie es sich für alte Leute ziemt, hatte mein Glas Wasser getrunken, und ausser den Nächten auch sehr viele Stunden des Tages im Bett verbracht.

Ich hatte auf meiner alten, schon sehr abgenützten Leinenmappe im Liegen manchen Brief geschrieben, und je und je auch, meist tief in der Nacht, ein paar Verse, und einmal, als ich von meinem Blatt mit Versen aufblickte und den Blick durch das nächtliche Zimmer wandern liess, fiel mir ein, dass ich einst, in einer Herbstnacht vor sechs Jahren, im selben Zimmer und im selben Bett das Gedicht Nachtgedanken' geschrieben hatte, und wieder um manche Jahre früher das Gedicht ,Besinnung', und vermutlich noch andere, denn ich hatte schon mehrere Male in diesem Zimmer gewohnt.

Nun lag ich also wieder in diesem Bett, sah auf dieselbe Tapete und hatte dieselbe kleine Lampe auf dem Nachttisch stehen wie schon manches Mal, und alles war wieder ähnlich wie damals zur Zeit der Besinnung' und zur Zeit der ,Nachtgedanken', oder es schien doch ähnlich zu sein, aber beim näheren Besinnen war eben doch alles anders, sehr anders, und im Bett lag und schrieb nicht mehr der Mensch von damals, sondern ein ganz anderer, und auch die Verse von heute klangen anders als die damaligen, sie klangen älter, behutsamer, ängstlicher, gewissermassen zittriger.

Bei Tische dann, im hübschen Speisesaal mit den altmodischen Alpenlandschaften, den ich vor zwanzig Jahren im ,Kurgast' glaube beschrieben zu haben, blickte ich ebenfalls als ein anderer zu meinen Mit-Kurgästen hinüber, deren mehrere ich schon zum dritten und vierten Male hier antraf.

Sie waren gealtert und etwas zusammengesunken wie ich selber, der und jener schien die Zähne verloren zu haben; man nickte einander höflich zu und blickte diskret beiseite, wenn einer von den Alten beim Aufstehen und Weggehen sich als besonders gebrechlich erwies. Kurz, es war auch hier im Speisesaal ebenso wie unten im Bade und oben im Bett, scheinbar alles so ziemlich wie einst, und doch ganz anders, an allein und allen hatten die Jahre genagt und gefressen, und die Kriegsjahre doppelt.»

 

 

Aufzeichnungen aus Baden III

Aus «Aufzeichnung bei einer Kur in Baden» (1949):

«So war es eine Art Flucht, als ich mich wieder zur Kur in Baden entschloss. Viele Male war ich dort gewesen, immer im Spätherbst, die Bäder sowohl wie der sanft verdummende, regelmässige Ablauf der Hoteltage, das Hindämmern des spärlichen Novemberlichtes, die Ruhe und angenehme Wärme im halbleeren Hause schienen mir erwünscht, ich würde entweder, wie schon oft, mich in Nichtstun und Schlendrian entspannen, oder, wie es andere Male geschehen war, schlaflose Nachtstunden im Bett mit Verseschreiben ausfüllen und dabei höhere Grade des Wachseins als je am Tage erleben, auf jeden Fall war es Abwechslung, und die ist im Klima des Alterns und Schwindens zuzeiten eine nicht kleine Verlockung.

Ich entschloss mich zur Reise, und meine Frau, welche zu den Attraktionen Badens mehr die Nähe Zürichs als die Thermalbäder zählt, war einverstanden. Es wurde gepackt, und es wurde dabei weder mit den Büchern noch mit dem Schreibmaterial gespart. Wir reisten, und wieder einmal hielt ich meinen Einzug in das wohnliche alte Hotel, das mich seit meiner ersten Kur so oft wiedergesehen und gelassen meine Verwandlung in einen älteren und dann in einen alten Herrn zur Kenntnis genommen hatte.

Längst gehörte ich zur Garnitur der alten Gäste, der mit nachsichtiger Ehrfurcht belächelten Weissköpfe, und auch diesmal war ich in der Rangordnung vorgerückt, es waren wieder einige von den ganz alten Stammgästen gestorben, die ich manche Male hier angetroffen hatte. Auf ihren Plätzen im Speisesaal sassen jetzt andere Greise, und natürlich gab es auch beim Personal einige neue Gesichter, die dem Stammgast nicht mit dem vertraulichen Lächeln des Wiedererkennens entgegenkamen.

 

 

Vieles hatte ich seit zweieinhalb Jahrzehnten in diesem Hause erlebt, vieles gesonnen und geträumt, vieles geschrieben. In der Schublade meines Hotelschreibtischchens waren die Manuskripte des ,Goldmund', der ,Morgenlandfahrt', des ‚Glasperlenspiels' gelegen, Hunderte von Briefen, von Tagebuchblättern und einige Dutzend Gedichte waren in den Zimmern, die ich hier bewohnt hatte, entstanden, Kollegen und Freunde aus manchen Ländern und aus manchen Perioden meines Lebens hatten mich hier besucht, fröhliche, gesellige und trinklustige Abende hatte ich hier gehabt, und auch viele kleinlaute Schleimsuppentage, Zeiten des Arbeitsrausches und Zeiten der Müdigkeit und Dürre.

Es gab hier, im Hause wie im Städtchen, kaum eine Ecke ohne Erinnerungen, ja ohne vielfache Schichten einander überlagernder Erinnerungen für mich. Leute, die keine Heimat kennen, hegen für solche Orte reicher und alter Erinnerungen zuzeiten eine gewisse sich selbst ironisierende, aber nicht unzärtliche Liebe. Da gab es im dritten Stockwerk jenes helle dreifenstrige Zimmer, in dem ich das Gedicht ,Nachtgedanken' und das Gedicht ‚Besinnung' geschrieben habe, das erste in der Nacht, nachdem in den Zeitungen die ersten Meldungen über Judenpogrome und Synagogenbrände in Deutschland gestanden hatte. Und im andern Flügel des Hauses waren einst, einige Monate vor meinem fünfzigsten Geburtstag, die ,Gedichte im Krankenbett' entstanden.

Und unten in der Halle hatte ich damals die Nachricht vom Verschwinden meines Bruders Hans empfangen, und ebendort einen Tag später die Todesbotschaft. Nun wohnte ich schon seit manchen Jahren stets im selben Zimmer, im ältesten Teil des Hauses, und es hätte mir leid getan, wenn ich die blau-rot-gelbe Blumenstrausstapete an seinen Wänden nicht mehr vorgefunden hätte. Aber sie war noch vorhanden, samt Schreibtisch und Leselampe. Dankbar begrüsste ich die kleine Scheinheimat.»

 

 

Quellangaben

Zitate aus "Hermann Hesse als Badener Kurgast",
erschienen 1952 im Verlag H. Tschudy & Co., St. Gallen

Zeichnungen: Gunter Böhmer, Montagnola

Idee und Redaktion: Uli Münzel, Baden

 

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